Ein Moment fürs Leben in Peru am Strand

Kennst du diese Situationen von denen du ganz genau weißt, dass sie dich oder dein Leben verändern? Die alles was du gelernt hast komplett auf den Kopf stellen? Deine Glaubenssätze neu definieren? Dich wachsen lassen? 


Früher in der Schule wurde man belächelt, wenn man Tagebuch geführt hat. Es war einfach uncool. Trotzdem habe ich es – wenn auch in unregelmäßigen Abständen – gemacht. Nicht weil es Spaß gemacht hat, sondern weil es für mich eine Art Therapie war. Ich habe mich als Jugendlicher kaum jemandem geöffnet und konnte so gewisse Ereignisse einfach besser verarbeiten. Mit dem Ende der Pubertät habe ich dann aufgehört zu schreiben. Das Abitur, die ersten Parties, meine erste Freundin und viele andere Sachen waren auf einmal viel wichtiger als die Schreiberei.


Nachdem ich jahrelang nicht geschrieben habe bekam ich zu meinem 22. Geburtstag ein Reisetagebuch von meiner Mutter geschenkt. Ich stand kurz vor meinem ersten Backpacktrip durch Lateinamerika und habe es als Zeichen gesehen, wieder zu schreiben. Jeden Tag einen Eintrag die nächsten 100 Tage – Deal. Heute bin ich unheimlich froh, dass ich das so konsequent verfolgt habe.


Warum erzähle ich dir das? Ich habe auf vielen Reisen Tagebuch geschrieben – und auf vielen nicht. Wenn ich diese Reisen heute miteinander vergleiche, dann fällt mir immer wieder auf, dass ich mir die dokumentierten Trips viel besser in Erinnerung rufen kann als die anderen. 




Sonnenuntergang an einem Strand in Peru.

Wie Erlebnisse zu Erinnerungen werden


Wie beispielsweise jene Lateinamerika-Reise. Ich war mittlerweile in Nordperu angekommen. Genauer gesagt in Mancora, einem kleinen Surferort mit unendlich langem Sandstrand, coolen Vibes und unfassbar schönen Sonnenuntergängen. Mein Kumpel Martin und ich waren in einem Hostel direkt am Strand und haben die Tage so richtig genossen: Sonnen, Schwimmen, Surfen, Bier trinken und Party machen. In der Reihenfolge. Ich wusste, dass ich es zeitlich sowieso nicht mehr nach Machu Picchu schaffen würde und so habe ich in Mancora einfach in den Tag hinein gelebt (denn ihr wisst ja: Über Dinge, die man nicht ändern kann – Ich wollte unbedingt nach Machu Picchu!!! –, sollte man sich nicht ärgern). 


Wir haben viele neue Leute kennengelernt und die Zeit extrem genossen. Es gab kein richtiges WLAN, noch keine Story-Funktion bei Instagram und auch keinen Erwartungsdruck, jeden Tag neue Bilder oder Videos hochzuladen. Ich war Momentesammler durch und durch und hätte mich für immer an diesem unendlichen wirkenden Ausblick des Meeres verlieren können – wenn ich mein Rückflugticket nicht gehabt hätte.




Einen dieser besonderen Momente hatte ich am 4. Oktober um 19:03. Wir saßen in einer großen Runde neuer Freunde am Strand-Lagerfeuer. Wir aßen, tranken Bier, lachten zusammen und erzählten uns die Geschichten vom Tag. Ich selbst lag in der Hängematte und hatte gerade erst meinen eigenen Tag dokumentiert, als sich meine Haare nach oben streckten und mir ein Schauer über den Rücken lief. 


Die neuen Freunde, die intensiven Gespräche, das supergeile Hostel. Der Strand, die Sonnenuntergänge, die Parties. Die Unbekümmertheit, das “In-den-Tag-leben”, das Gefühl der Freiheit. All das würde in den nächsten Tagen, zumindest in dieser Form, vorbei sein. Mir wurde klar, dass ich nur noch wenige Tage in Peru hatte, bevor ich über Mexiko zurück nach Kanada fliegen würde. Dort würde ich meine restlichen Sachen holen und mich für eine sehr lange Zeit verabschieden. Mit der Ungewissheit des Wiedersehens – und mit der Gewissheit, ohne Geld, Job und Studium zurück nach Deutschland zu kehren. 


Mit einem Mal realisierte ich, dass ich mich auf der Zielgeraden meines Lateinamerika-Abenteuers befinde und dass ich all die Menschen hier vielleicht nie wieder sehen würde. Ich dachte daran, wie ich noch vor zwei Monaten im Hotelzimmer in Dallas an die Wand gestarrt und mir den Kopf zerbrochen habe, was mich auf dieser Reise wohl erwartet. Die zufälligsten Zufälle, grenzwertige Grenzüberquerungen, 30-Stunden Busfahrten und all die abenteuerlichen Abenteuer. Ich bin von einer Brücke gesprungen, Wasserfälle hinabgestiegen, habe Vulkane erklommen, war mit Haien schwimmen und bin im Sumpf des Amazonas stecken geblieben. 


All das ging mir in diesem Hängematten-Moment durch den Kopf. Es war absolut verrückt und real. So stelle ich es mir vor, wenn dein Leben auf dem Sterbebett nochmal vor deinem inneren Auge an dir vorbeizieht – Creepy! Niemals hätte ich es mir erträumen können, all das zu er- und überleben.  


Ich realisierte, dass all die Erlebnisse und Abenteuer der letzten Wochen und Monate urplötzlich zu Erinnerungen wurden. Und dass schon sehr bald ein neues, bisher unbekanntes Kapitel beginnen würde. Ich realisierte aber noch etwas viel wichtigeres: Mir wurde in diesem Moment klar, dass jeder Moment vergänglich ist. Während das Lagerfeuer flackerte, meine Freunde über das Leben philosophierten und die Zeit stillstand, verstand ich, dass dieser Moment einzigartig ist. Und nicht nur dieser: Dass jeder Moment einzigartig ist.


Mit dieser Erkenntnis griff ich sofort nach meinem Tagebuch und schrieb alle Wörter und Gedanken auf, die mir in diesem Moment durch den Kopf gingen: Musik, Strand, Hängematte, Lagerfeuer, Wind, Rauschen, Meer, Gedanken, Reisende, Freunde, Emotionen,, Träne,  traurig, glücklich, komplett, inkomplett, alles, nichts, Gänsehaut. Ich wollte diesen Moment mit aller Macht festhalten – mit Erfolg. 




Sonnenuntergang über dem Meer in Peru.

Was bleibt?

Wir können nicht in die Vergangenheit reisen oder an der Uhr drehen. Die Zeit läuft gegen uns und lässt uns sogar viele Momente vergessen. An einem bestimmten Punkt in unserem Leben sind es aber genau diese Momente, von denen wir zehren und die uns Kraft geben, wenn wir uns dem Ende unseres Lebenswegs nähern. 


Kennst du diese Situationen, von denen du ganz genau weißt, dass sie dich oder dein Leben verändern? Die alles, was du gelernt hast, komplett auf den Kopf stellen? Deine Glaubenssätze neu definieren? Dich wachsen lassen? 


Heute blicke ich dankbar zurück. Auf die Momente und auf mein Durchhaltevermögen, mein Tagebuch zu füllen. Denn es hat mich nicht nur oft in diesen emotionalen Moment eintauchen lassen, sondern mir auch gezeigt, wie wichtig es ist, sich nicht in dem großen Ganzen zu verlieren – sondern uns selbst in kleinen Momenten zu finden.





Leo liegt entspannt in einer Hängematte am Strand von Peru.
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