als frau in lateinamerika reisen

Lateinamerika hat eine der höchsten Frauenmordraten weltweit. Alleine in Mexiko werden im Schnitt 10 Frauen pro Tag ermordet. Unter diesen Umständen fühlte sich meine Mutter alles andere als wohl, als ich alleine in den Flieger nach Peru stieg. Das war 2013, kurz nach meinem 19. Geburtstag. Die Vielzahl an Reise- und Sicherheitswarnungen des Auswärtigen Amts für Lateinamerika ließen mich nicht davon abschrecken, mir ein eigenes Bild von der Region machen zu wollen. Und mir einen großen Traum zu erfüllen: Machu Picchu, die berühmte Ruinenstadt der Inka, mit meinen eigenen Augen zu sehen. 

Insgesamt verbrachten mein Rucksack und ich 13 Monate in Lateinamerika. Die Bilanz: Das Reisen alleine war keineswegs immer leicht! Anfangs konnte ich weder Spanisch noch Portugiesisch, ich wurde beklaut, ausgeraubt und musste jeden Tag aufs Neue meine Komfortzone verlassen. Und trotz der Rückschläge entfachte in mir eine andauernde Leidenschaft für die Kultur, Natur, Sprache und insbesondere für die Mentalität der Menschen. 

Eines meiner Lieblingsfotos vom Karneval in Barranquilla (Kolumbien), dem zweitgrößten Lateinamerikas (nach Rio de Janeiro), der pure Lebensfreude und Vitalität ausstrahlt.

Offenheit wird belohnt

Wie an so vielen Orten auf der Welt bewegt man sich auch in Lateinamerika sicherer, indem man sich an gewisse Regeln hält. Gehe zum Beispiel in Großstädten nachts nicht alleine raus, zeige keine Wertsachen in der Öffentlichkeit, verwende nur die offiziellen Taxis beziehungsweise lieber ein Uber… Solche Tipps und Tricks stehen in jedem beliebigen Reiseführer. Deswegen ist es hier auch nicht meine Absicht, dich belehren zu wollen. Im Gegenteil: Mein Erfahrungsbericht soll dich motivieren und ermutigen, dir dein eigenes Bild von diesen „gefährlichen“ Welt-Regionen zu machen. Die Sicherheitswarnungen betreffen eh meistens Orte, an die Reisende normalerweise gar nicht kommen. Deswegen lautet mein wertvollster Tipp: Halte dich so gut es geht an die Regeln und benutze deinen gesunden Menschenverstand. Vergiss dabei aber nicht, aufgeschlossen zu sein und dich auf Interaktionen mit den Einheimischen einzulassen. Denn besonders die folgenden Begegnungen und Erfahrungen haben meine Reise geprägt und mich zu der Person gemacht, die ich heute bin. 

„Sind deine Augen echt?“

Fakt ist, in Lateinamerika sticht man als weiße Europäerin mit blonden Haaren, blauen Augen und einer Körpergröße von 174cm, mit der ich sogar in Deutschland überdurchschnittlich groß bin, aus der Masse hervor. Je nachdem ob man sich in einem Café in einer Millionenstadt wie Santiago de Chile oder auf einem Markt im Amazonas befindet, wird man dementsprechend auch als „anders“ wahrgenommen. Meine lustigste Anekdote spielte sich in einem kolumbianischen Taxi ab: Nachdem mich der Taxifahrer ununterbrochen durch seinen Rückspiegel beobachtete, fragte er ganz perplex: „Sind deine Augen echt?“ Und als ich dies, etwas verwirrt über die Frage, bejahte, fragte er ernsthaft: „Darf ich sie mal anfassen?“ Natürlich war mir diese Situation zuerst sehr unangenehm. Dann stellte sich aber heraus, dass der junge Typ einfach noch nie in seinem Leben blaue Augen gesehen hatte. Daraufhin lachten wir und verabschiedeten uns. 

Ich als „Riesin“ mit meinen Surflehrern in Nicaragua.

Hinterherpfeifen, Selfies, Heiratsanträge – kurz: der „Machismo“

Die Kombination aus meinem „fremden“ Aussehen und der Tatsache, dass ich alleine unterwegs war, verursachte die verschiedensten Reaktionen, vorrangig des männlichen Geschlechts: Von hinterherschauen, hinterherpfeifen und -rufen über zuwinken und anlächeln, hin zum Ansprechen und zusammen Selfies machen habe ich alles erlebt. Ja, ein paar Heiratsanträge waren sogar auch dabei. „Macho“ ist eben nicht umsonst ein Wort aus dem Spanischen, und viele Latinos haben wirklich einen ausgeprägten „Machismo“, also ein übersteigertes Gefühl männlicher Überlegenheit und die Forderung nach besonderer Aufmerksamkeit. Anfangs fühlte ich mich vor allem durch das Pfeifen und Rufen ziemlich eingeschüchtert und wusste nicht so ganz damit umzugehen. Irgendwann war ich jedoch Meisterin des Ignorierens und ließ den Machismo einfach Machismo sein. Zugegebenermaßen habe ich diese Aufmerksamkeit zurück in Deutschland dann sogar etwas vermisst ;-). 

Foto sessions in Mexiko, Kolumbien und Peru.

Der Frauenbonus

Frauen haben in der Machokultur aber auch einen angenehmen Bonus. Sobald ich unterwegs etwas hilflos durch die Gegend schaute oder anfing, einen Stadtplan auszupacken (die Zeit vor den Offline-Maps), wurde mir innerhalb weniger Sekunden Hilfe angeboten. Teilweise wurde ich dann sogar direkt an mein Ziel begleitet, wenn es nicht zu weit weg war. In den öffentlichen Verkehrsmitteln wurde mir, ohne zu zögern, Platz gemacht. Im Grunde wurde ich sehr zuvorkommend behandelt. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen interessiert an mir waren und einfach mit mir agieren und ins Gespräch kommen w o l l t e n (und mich nicht einfach nur anstarrten: das habe ich z.B. in Hongkong erlebt und mich wirklich teilweise wie ein Alien gefühlt). Vor allem interessierte sie, wie auch schon meine Familie und Freunde in Deutschland, die brennende Frage: WARUM ZUR HÖLLE REIST DU ALS FRAU GANZ ALLEINE DURCH LATEINAMERIKA? Und auch: WARUM BIST DU NOCH NICHT VERHEIRATET? (In der Kultur Lateinamerikas ist FRAU nämlich schon sehr früh unter der Haube). Diese Gespräche eröffneten mir einen Einblick in die Mentalität der Latino/as, in der Lebensfreude, Großzügigkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft großgeschrieben werden.  

Meine venezolanischen und kolumbianischen Arbeitskollegen und ich in einem Hostel an der kolumbianischen Küste in dem ich sechs Wochen gejobbt habe. In nur so kurzer Zeit wurde ich ein Teil der „Hostel-Familie“.

Auf einer Busfahrt in Kolumbien kam ich mit einem Mann, der mein Vater hätte sein können, ins Gespräch. Er stellte mir viele Fragen und erzählte von seiner Familie. Da wir zusammen umsteigen und auf einen anderen Bus warten mussten, lud er mich in der Zwischenzeit auf ein Bier ein. Ich war nicht nur skeptisch, weil es 11 Uhr morgens war, sondern auch, weil wir uns ja kaum kannten. Im nächsten Bus zahlte er sogar mein Ticket, was mir dann noch unangenehmer wurde. Zuerst vermutete ich irgendwelche Hintergedanken. Als ich mich aber an meiner Haltestelle von ihm verabschiedete und er mir noch lächelnd aus dem Bus zuwinkte, war ich so dankbar für diese Begegnung, die mir in Deutschland sicherlich nie passiert wäre.  

In Deutschland wurde ich auch noch nie umsonst mit dem Taxi mitgenommen, in El Salvador schon. Als ich an einer Bushaltestelle wartete, hielt ein Taxifahrer an und fragte mich, wo ich hinwolle. Seiner Aussage nach stand ich hier falsch und er bot mir an, mich kostenlos in den nächsten Ort zur Haltestelle zu bringen. Eigentlich hätten bei mir, „im weltweit gefährlichsten Land außerhalb von Kriegsgebieten“, alle Alarmglocken klingeln müssen… Das Ende vom Lied war jedoch, dass er mich umsonst mitnahm und an der richtigen Haltestelle absetzte, mir sagte wieviel das Busticket kosten würde und er sogar noch wartete, bis ich in den Bus eingestiegen war. Als ich dann ein paar Tage später total verloren auf der Suche nach der Free Walking Tour durch die Hauptstadt San Salvador irrte, boten mir mehrere Einheimische ihre Handys an. Somit konnte ich die Agentur anrufen und letztendlich auch die Gruppe finden.  

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Auch wenn meine Liste toller und einzigartiger Erfahrungen unendlich lang ist, gehört an diese Stelle auch ein unschönes Ereignis. Nachdem ich im Laufe der Zeit einige Grusel-Geschichten zu Raubüberfällen gehört hatte, passierte es auch mir: Morgens um 11 Uhr auf offener Straße in Bogota, der Hauptstadt Kolumbiens, wurde ich von zwei Männern mit einem Messer überfallen. Das Wichtigste: mir ist nichts passiert. Allerdings war mein Rucksack mitsamt Handy, Geld, Führerschein, Kamera und Kreditkarte mit den beiden Typen auf und davon. Doch selbst diese Geschichte verbinde ich mit etwas Lustigem. Ein Mann, der den Vorfall gesehen hatte, rief für mich die Polizei. Daraufhin kamen zwei Motorräder mit zwei Polizisten in meinem Alter, die mich netterweise zurück zu meinem Hostel begleiteten. Sie waren völlig schockiert, dass ich hier in diesem unsicheren Viertel ganz alleine unterwegs war und auch generell alleine durch Lateinamerika reiste. Nachdem ich dann die üblichen Fragen nach meinem Ehemann verneinte, steckte mir der Polizist Andres seine Handynummer zu – „für den Fall der Fälle“. Wie ich mich mit meinem geklauten Handy bei ihm hätte melden sollen, bleibt mir bis heute ein Rätsel ;-). 

Nach dem Vorfall begegnete ich jedem Menschen sehr viel misstrauischer und ich beschloss, mich erstmal von Großstädten fern zu halten. Als ich dann allerdings vier Wochen später von Kolumbien nach Panama durch die Karibik segelte (eines der schönsten Erlebnisse der Reise) war mein Misstrauen verschwunden. In dieser Zeit waren schon wieder so viele tolle Erlebnisse passiert, so dass sie die eine schlechte Erfahrung im Grunde wett machten. 

Ich auf einer kleinen, einsamen Insel in der Karibik.

Fazit

Nachdem auch bei meiner Familie und meinen Freunden zu Hause der Schock meines Überfalls verstrichen war, wuchs in ihren Köpfen eine andere Sorge: dass ich für immer dortbleiben würde. Die Voraussetzung war gegeben. Ich hatte mir noch keine Gedanken um mein Rückflug-Ticket gemacht, denn ich war drauf und dran mich zu verlieben: in die Länder Lateinamerikas mit ihrer besonderen Kultur und ihren herzlichen und lebensfrohen Menschen.  

Ein hilfreicher Zugang zu den Einheimischen war sicherlich die Sprache. Da nur sehr wenige Englisch können, hilft Spanisch/Portugiesisch sprechen enorm. Es erhöht die Chancen von Begegnungen auf Augenhöhe, gegenseitigem Respekt und Anerkennung. Schon ein paar Worte in der jeweiligen Landessprache entlocken vielen Einheimischen ein Lächeln und sie werden neugierig und wollen DICH kennenlernen. Damit öffnet sich eine Tür, die zu echten Freundschaften führen kann. Deswegen ist mein Tipp, einen Sprachkurs vor Ort zu machen. Beziehungsweise sich Möglichkeiten zu suchen, die dich zum Sprachenlernen „zwingen“. Ich war zum Beispiel eine Woche in einer Sprachschule und wohnte nebenbei bei einer nicaraguanischen Familie. Außerdem war mein Surfkurs auf Spanisch und meine Hostel-KollegInnen konnten größtenteils nur Spanisch.  

In bestimmten Situationen ist es sicherlich leichter, nicht alleine zu reisen; dafür wird man alleine häufiger angesprochen und man selbst ist aufgeschlossener, weil man auf andere angewiesen ist. Wenn ihr mich fragt, würde ich jederzeit genauso wieder reisen und ich kann es kaum erwarten, hoffentlich bald wieder lateinamerikanischen Boden unter meinen Füßen zu spüren. 

Das war in etwa meine Route: Peru – Brasilien – Paraguay – Uruguay – Argentinien – Chile – Bolivien – Ecuador – Kolumbien – Panama – Costa Rica – Nicaragua – El Salvador – Guatemala – Belize – Mexiko.

Über die Autorin Jule

Hola, ich bin Jule und meine größte Leidenschaft ist das Reisen. Meine erste solo Reise verschlug mich ins wunderschöne Neuseeland – seitdem sind Reisefieber und Fernweh ein permanenter Begleiter in meinem Leben. Bis auf die Antarktis habe ich alle Kontinente bereist. Dabei hat es insbesondere Lateinamerika geschafft, sich in mein Herz zu schleichen. Als Rucksackreisende war ich jeweils ein halbes Jahr in Süd- und in Zentralamerika unterwegs und jobbte in Hostels. Zurück in meiner Heimat Berlin machte ich ein Praktikum an der Botschaft von El Salvador, um den Bezug zu Lateinamerika auch in meinen Alltag in Deutschland zu integrieren. Seit Oktober 2019 studiere ich Lateinamerika-Studien im Master. 

Mehr von meinen Reisen seht ihr auf meinem Instagram Account insta_gras. Meldet euch gern bei Fragen aller Art. 

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