Schild das auf Danzig hinweist

Veränderungszeiten – sie sind etwas Schwieriges, aber auch gleichzeitig etwas sehr Schönes. Menschen können das Beste aus… 

… der Vergangenheit mitnehmen und mit Neuem vermischen. Mit einer solchen positiven Daseinsstrategie kennt sich die Stadt Danzig (Gdansk) in Polen sehr gut aus: In einer jahrhundertelangen Geschichte im Spannungsfeld von „deutsch“ und „polnisch“ nahm sie stets das Beste mit in die Zukunft. 

Das Leben am Zugang zur Ostsee mit dem für die Stadtbewohner so wichtigen Strand von Sobot hatte auch seinen Preis: Die Lage war von zentraler strategischer Bedeutung für Handel und Militär. Das Leben am Begegnungspunkt der Kulturen, Länder und Traditionen führte Danzig während der letzten Jahrhunderte mehrere Male in Zeiten von Krieg und Transformation. 

Altstadt von Danzig

In der bedeutenden Hansestadt vermischen sich westliche Marken und alte Kaufmannstraditionen. 

Überall in der Stadt begegnen dir die Spuren aus der Vergangenheit, und sie prägen das Zugehörigkeitsgefühl, auch der jüngsten Generation der Danziger. Zugehörigkeitsgefühl.. aus diesem Grund bin ich mit meiner Schwester im Sommer nach Danzig gereist. Meine Schwestern Inga, Wiebke und ich haben dieselbe Mutter, aber nur ich komme aus ihrer zweiten Ehe mit meinem Vater. 

Polen führt unseren Stammbaum wieder zusammen. Einige Wurzeln meiner Mutter als auch die meines Vaters liegen dort. Damit bin ich nicht allein. Insgesamt leben in Deutschland heute zwei Millionen Menschen mit polnischen Wurzeln. 

Wie um ein Scheidungskind zerrten beide Nationen um das Land. Die Geschichte Polens – sie gleicht einem Zick-zack-Kurs zwischen deutschem Orden, polnischer Krone und der größten Katastrophe: Auf der „Westerplatte“ nördlich des Stadtkerns begann am 1. September 1939 die erste Schlacht des 2. Weltkriegs. 

Danzig liegt am Wasser und ist auch von dort aus zu erkunden.

Die Lage am wichtigen Handelsfluss Weichsel machte Danzig zum Anlaufpunkt von 1,5 Millionen Touristen jährlich – und im vorigen Jahrhundert zum Ziel von Kämpfen um die Vorherrschaft. 

Weil mein Vater in den letzten Jahren des 2. Weltkriegs von Polen nach Berlin und dann noch vor der deutschen Teilung in den Westen flüchtete, Teile meiner Familie aber in der DDR blieben, ist der Ost-West-Konflikt für mich so etwas wie die rechte und die linke Seite meines Herzens. 

Fast zehn Jahre nach der Wende lebte ich zwar 1998 einige Monate in Berlin und tauchte als „Wessi“ tief ein in die Stadtteile mit „Ostcharme“: Mitte, „Prenzlberg“ und Friedrichshain, aber Polen stand da noch nicht auf meinem Reiseplan. 

Blick auf Polen

Dahinten liegt Grenzstadt Swinemünde (Świnoujście). Blick in der Seebrücke in Ahlbeck auf Usedom. 

Erst 2019 war es soweit: Meine Schwester und ich fuhren von Hannover über Rostock und Usedom in Höhe von Stettin über die polnische Grenze. Vorher besuchten wir noch in Warnemünde meine Cousine und ihre Familie, welche bis 1989 die deutsch-deutsche Teilung auf der anderen Seite des „eisernen Vorhangs“ erlebt hatte. 

Hinter Stettin gleich die erste Erfahrung: Mit Deutsch kommen wir nicht weiter, nicht mit Englisch und auch nicht mit dem Euro, aber gern mit unserer Kreditkarte. Wir bezahlen zwei Eiskaffees mit Kirsche und tauschen uns zu den ersten Unterschieden aus, die uns sympathisch sind. Sprache ist relativ, und wer sich verständigen möchte, der wird es auch können. 

Dazu gibt es ein paar Grundvokabeln, die immer weiterhelfen: Dziękuję heißt zum Beispiel „Danke“. Das Wort nutzen wir auch für den leckeren Eiskaffee und verabschieden uns. Vor uns liegt noch ein langer Weg durch die endlosen Weiten der polnischen Landschaft, die – wenn es nicht der „Wilde Osten“ – wäre, eine Art Wilder Westen sein könnte. Nur dass die Prärie grün ist. 

Makro Aufnahme von grüner Pflanze in Danzig

Makroaufnahme eines Reisegefühls: Polens Landschaft ist unglaublich grün. 

Die Autofahrt in Ingas BMW dauert lange und wird immer mehr zu einer Reise in die Vergangenheit. Über Landstraßen, durch Wälder und Dörfer, stundenlang, zur Mitte des polnischen Küstenstreifens. In Danzig angekommen, gehen wir trotz der Müdigkeit noch essen. Mir fällt sofort auf, dass die Stadt Gegensätze in sich vereint und zu einem stimmigen, kulturell sehr interessanten Gesamtbild vereint. 

Stell dir den historischen Kern einer deutschen Hansestadt an der Ostsee vor, zum Beispiel Lübeck. Nimm dann die Farbpaletten eines Interior Design-Bloggers mit heute angesagten Farbtönen, vielleicht Ecru, Sand und Kaffee. So dezent und skandinavisch schlicht sind die wunderschönen Fassaden der Patrizierhäuser angestrichen. 

Jetzt addiere noch ein paar historische Gebäude aus der Blütezeit der Stadt im 16./17. Jahrhundert. Rathäuser, alte Mühlen, Stadttore. Und zu guter Letzt misch ein paar graue, unscheinbare Mehrfamilienhäuser aus den Zwanziger Jahres des 19. Jahrhunderts in das Bild. Solche, die du früher in Ostberlin finden konntest, bevor sie teuer renoviert wurden. 

Alte Häuserfassaden in Danzig
Moderne Architektur in Danzig

Aus allen Zutaten entsteht das Bild einer Multikulti-Stadt. Die Fischer aus der Kaschubei, der polnische Adel und die Handwerker aus Lübeck lebten hier lange friedlich miteinander. Dazu kamen noch die schottischen Landsmänner und Frauen sowie Seeleute aus Skandinavien, die vom Wind aus Norden gebracht wurden. Jedem Menschen wurde eine weltoffene Haltung entgegengebracht, denn besonders wichtig war den Danzigern immer die Freiheit. 

So kam es in der sogenannten Zwischenkriegszeit und aufgrund des Friedensvertrags von Versailles 1919 zu einem Novum: Danzig gehörte wenige Jahre weder zu Deutschland noch zu Polen. Im umstrittenen „dritten Weg“ wird es samt Umland „Freie Stadt“. Eine große Chance für seine Bewohner, die stets ihre Unabhängigkeit hegten. 

Es ist kein Zufall, dass in Danzig die Bewegung Solidarność entstanden ist, die begann, das kommunistische System zu brechen. Es dauerte zwar insgesamt fast 20 Jahre und war mit schlimmen Opfern verbunden, aber am Ende mussten die Regierenden der 20 Millionen Anhängern umfassenden Bürgerbewegung nachgeben und teilfreie Wahlen zulassen. 

Befreier Wesla auf einem Foto

Gewerkschaftsführer Lech Wałęsa glaubte daran, dass nur der friedliche Protest etwas bewegen kann und wurde dafür 1983 mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Er lebt bis heute in Polen. 

Stundenlang verbrachten meine Schwester und ich im Europäischen Zentrum der Solidarität auf dem Gelände der Danziger Werft, Keimzelle der Bewegung. Sie ist ein Vorbild europäischer Museumspraxis, mit vielfältigen anschaulichen Stationen, die Interaktion und Beschäftigung mit dem Thema hervorrufen. Irgendwo zwischen Danzig und Gdansk fand ich meine Mitte zwischen West und Ost. Das Recht, in Freiheit und Wahrheit zu leben, vereint alle Menschen und hilft, unsere Unterschiede zu akzeptieren. Diese Erkenntnis verdanke ich der Reise in die Vergangenheit. 

Weiterführende Infos:

Ab dem 4. Mai bereitet das Europäische Zentrum seine infektionssichere Wiedereröffnung vor. Das Datum des Neustarts wird noch bekannt gegeben. Im Netz kannst du dich unter dem Hashtag #ecsonline inspirieren lassen: https://ecs.gda.pl/ecsonline 

Bis zunächst 13. Mai 2020 ist die Einreise nach Polen für nicht-polnische Staatsbürger und Personengruppen mit Sonderregelungen nur noch in Ausnahmefällen möglich. Zusätzlich wurden 13 Jahre nach dem Beitritt Polens zum Schengen-Raum wieder Grenzkontrollen eingeführt und zahlreiche Übergänge von Deutschland nach Polen ganz geschlossen. 

Wie viele andere Reisedestinationen ermöglichen Danzig und Polen das virtuelle Reisen. Hier geht es zur kostenfreien Besichtigung: https://visitgdansk.com/de/aktualnosci/eine-besichtigung-aber-nat-rlich-online,a,4053

 

Über die Autorin Julia von Julias Journeyz

Julia vom Blog Julias Journeyz

Hey, ich bin Julia Beatrice und war früher Journalistin. Heute schreibe ich auf Julias Journeyz über Individualreisen. Außerdem gebe ich Tipps für einen minimalistischen Lebensstil. Materieller Besitz macht auch unfrei, deswegen reduziere ich ihn immer dann, wenn ich Zeit finde und verschenke das meiste. Wenig Besitz und Reisen – das passt für mich gut zusammen. Mein Traum ist ein 12-Monate-Sabbatical mit einem Roadtrip durch die USA und Kanada, und da ich noch nie von etwas abzuhalten war, wenn es ums Reisen geht, wird es 2025 auch so weit sein 😊 

Mehr Reiseberichte findest du auf Julias Journeyz – a Travel and Minimalism Blog.

2 Comments
  1. Ewa und Mirko 5 months ago

    Wir waren letztes Jahr ebenfalls in Danzig, eine wunderschöne Stadt mit bewegender Geschichte! Leider haben wir nur verpasst, so ein Paddelboot-Rennwagen zu nehmen wie in dem einen Foto, es war Dezember ;)) Ein sehr toller Artikel! Liebe Grüße, Ewa und Mirko von http://www.wroclawguide.com

    • Author
      JourneyStamps 5 months ago

      Hallo ihr Lieben,
      beim nächsten Besuch dann mit Paddelboot-Rennwagen! Das bietet sich aber auch wirklich nicht für Dezember an 😀

      Liebe Grüße,
      Lynn von JourneyStamps

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