Fjord in Grönland

Magisches Grönland – Momentaufnahmen aus der Arktis

Manchmal muss man den Sprung ins kalte Wasser wagen. Und das meine ich ganz wörtlich. Denn mit ein bisschen Mut und Überwindung kommt man an die unglaublichsten Orte. Zum Beispiel in die arktischen Gewässer vor der Küste Grönlands.  

Die Polarregionen begeistern mich seit meiner Kindheit. Seit ich die Geschichte des Schlittenhundes Balto zum ersten Mal hörte, seit ich in den aufregenden Erzählungen von Jack London stöberte, seit ich mich mit der Forschung zu Wölfen von Jean Craighead George beschäftigte, trug ich den Ruf des Nordens im Herzen. Ob Schlittenhunde trainieren in Finnland, Schneemobilsafaris auf Spitzbergen, Wandern in Schweden oder ein Roadtrip durch Kanada und Alaska – die Journey Stamps häufen sich. 

Mein prägendster Aufenthalt nördlich des Polarkreises war aber meine Expeditionskreuzfahrt um die Disko-Insel vor der Westküste Grönlands. Damit erfüllte sich bei mir ein lang gehegter Traum und die Wochen auf dem Schiff wurden zu den glücklichsten meines Lebens. Aber von Anfang an. 

Land des Eises, Land des Nordens

Wer nach Grönland will, der sollte sich darüber klar sein, dass auf der größten Insel der Welt kaum Straßen existieren und wenn man von Ort zu Ort kommen möchte, sind Flugzeug oder Schiff die Transportmittel der Wahl. Und deswegen sollte die MS Cape Race für einige Zeit zu meinem schwimmenden zu Hause werden. 

Ich beginne meine Reise jedoch mit festem Boden unter den Füßen in Ilulissat. Ein Streifzug durch diese mir noch unbekannte Welt beginnt und die Eindrücke jagen einander. Hinter der Kirche, am Ufer der Disko-Bucht sehe ich sie: Die ersten Eisberge meines Lebens. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben. Aber mit dem Geheul der Schlittenhunde des Ortes in den Ohren, der kalten Luft in den Lungen und der Sonne hoch über mir fühle ich mich, als wäre ich endlich nach Hause gekommen. So lange bin ich nicht hier gewesen, im Norden. So lange habe ich einfach meinen Alltag gelebt und mir selbst gesagt, dass der Arktis-Wahnsinn, der mich damals nach der ersten Nordlandreise überfallen hat, wohl abgeklungen sein muss. Aber hier und jetzt, da ist es wieder. Dieses Gefühl, dass mein Herz am liebsten aus meinem Brustkorb springen und in der kalten arktischen Sonne tanzen will. Und es schlägt lauter als jemals zuvor. 

Ein Schiff aus Eisen und Träumen

Als ich im Hafen von Ilulissat ankomme, liegt die MS Cape Race bereits vor Anker und wartet auf mich. Mit einem Fassungsvermögen von nur 12 Passagieren ist sie ein kleines Schiff, dass auch in flache Fjorde und dicht an Eisberge heranfahren kann. Ihr Inneres lässt den Glanz alter Entdeckerzeiten aufleben. Schimmerndes Holz und poliertes Messing strahlen Wärme und Gemütlichkeit aus. Meine Kabine liegt direkt über dem Maschinenraum und als die Cape Race im arktischen Abendlicht den Hafen verlässt, stampfen die Motoren beruhigend unter mir, obwohl sie meine Koje erzittern lassen. 

Von Ilulissat beginnen wir unsere Fahrt um die Diskoinsel. Es ist Sommer und das bedeutet, dass die Sonne Tag und Nacht scheint. Und das Land, auf das sie ihr Licht fallen lässt, verzaubert mich. 

Endlose, leere Weiten der Tundra

Tundra. Ein Wort wie ein Trommelschlag. Ein Wort, das ich schon sehr, sehr lange kenne, zu dem die Bilder in meinem Kopf aber undeutlich und verschwommen waren. Nie hätte ich geglaubt, dass ich einmal hier stehen würde. Der erste Schritt ist eine Überraschung. Die moos- und flechtenbewachsenen Buckel sind ganz weich und mit jeder Bewegung sinke ich federnd in den nachgiebigen Boden, der durchsetzt ist von kleinen Tümpeln. Es gibt keine Wege oder Straßen, nur unberührte Natur. Man könnte meinen, dass man sich hier, ohne irgendwelche Menschen im Umkreis von vielen, vielen Kilometern, einsam fühlt. Ich fühle mich frei. 

Verlassene Orte mit traurigen Geschichten und unberührten Relikten der Vergangenheit

Nach dem Frühstück bringt uns unsere Crew nach Qullissat, einer aufgegebenen Siedlung im Nordosten der Disko-Insel. In Grönland gibt es viele verlassene Siedlungen, was meist mit der dänischen Politik der 60er Jahre zusammenhängt. Durch das konservierende, kalte und trockene Klima der Arktis verrottet hier nur wenig und auch nach Jahren stehen die Häuser noch, als ob ihre Bewohner sie erst vor ein paar Monaten verlassen hätten. Die Arktis braucht lange, um sich von solchen Wunden zu erholen und die Spuren der Zivilisation zu tilgen. 

Wale vor uns, neben uns, unter uns

Der Anker geht runter, die Kette rasselt und wir sind in der Langebugt angekommen. Damit haben wir jetzt bereits einen Großteil der Disko-Insel umrundet. Vor uns liegt ein schmaler Bergsattel und dahinter befindet sich der Eisfjord von Torssukatak. Den wollen wir uns heute ansehen. Aber ehe wir auch nur dazu kommen zu Frühstücken, beginnt ein unglaubliches Spektakel direkt vor der Cape Race. Zunächst sehen wir nur Fischschwärme, die in heilloser Panik hin und her flitzen. Dann taucht aus dem Wasser ein lebendig gewordener Fels, der seinen Rachen aufreißt. Eine Buckelwalmutter und ihr Junges haben sich diesen Ort zum Jagen ausgesucht. Und in einträchtiger Stille beobachten wir sie. 

Das Donnern der Gletscher

Um sieben werde ich schlagartig wach, als sich mein Bett um mindestens 50 Zentimeter absenkt um dann wieder hochzuschnellen. Mir wird übel. Ich rolle mich aus dem Bett und wanke zur Kabinentür, die ich mehr auftrete als öffne. Auf mein entsetztes Ächzen wird mit Gelächter reagiert und ich schaue in drei amüsierte Gesichter. Dann wird mir der Grund für den plötzlichen Wellengang erklärt. 

Vor uns erhebt sich eine riesige, etwa hundert Meter hohe Wand aus kantigem Gletschereis in den Himmel und dahinter folgt eine unglaubliche Eismasse, soweit das Auge reicht. Die Luft ist erfüllt vom Stöhnen des Eises, das immer weiter komprimiert wird, bis irgendwann ein Teil nachgibt, mit lautem Krachen abbricht und in die See stürzt. Diese Abbrüche lösen Wellen aus, die bis zum Schiff schlagen und dieses in Bewegung versetzen. Aber Angesichts dieser Naturgewalten ist mir der raue Seegang gleichgültig. 

Ein Gefühl von abertausenden Nadeln und eine Lunge, die nach Sauerstoff schreit

Warme Wände aus Zedernholz schmiegen sich an meine nackte Haut, während der Schweiß an mir herabläuft. Ich sitze in der winzigen Sauna der Cape Race. Mit der Vollendung unserer Umrundung der Disko-Insel nähert sich das Ende der Reise, doch es soll noch einen letzten Höhepunkt geben, der sich mir tief in Haut und Gedächtnis brennt. Die Crew hat den Kran, mit dem normalerweise die Zodiacs auf Deck gehoben werden, so ausgerichtet, dass ein Seil über die Bordwand baumelt. Jenseits der Reling erstreckt sich das Polarmeer, gesprenkelt mit Eisbergen. 

Das Wasser ist kalt. Unglaublich kalt. Es ist so kalt, dass es sich wie tausend Nadelstiche auf der Haut anfühlt. Es presst mir beim Aufprall alle Luft aus den Lungen und als ich prustend auftauche und versuche, neuen Sauerstoff durch selbige zu jagen, streiken meine Muskeln. Ich kann nicht atmen. Mein Körper steht unter Schock. Weit ist es nicht bis zum Schiff und so schwimme ich zügig auf die Leiter zu. Sobald ich aus dem Wasser bin, kann ich wieder Luft holen. Gott, was für ein unglaublich berauschendes Gefühl. Hier stehe ich, triefend nass auf Deck und fühle nichts als Glück. 

Grönland hat sich auf leisen Sohlen herangeschlichen und mich mit solcher Wucht überfallen, dass ich weiß, es wird mich für immer verändern. Und während meine Liebe zum Norden wächst, ist die Sehnsucht danach doch noch lange nicht gestillt. 

Über die Autorin Anuschka von Rosas Reisen

Rosa ist mein großes Kuscheltiernilpferd und stammt aus einem schwedischen Einrichtungshaus, ich heiße Anuschka, bin Ende 20 und komme aus Köln. Mit meinem nordischen Namen wurde mir die Liebe für die Polargebiete vielleicht schon in die Wiege gelegt, Bahn gebrochen hat sie sich jedenfalls während meiner ersten Reise nach Lappland 2013. Seitdem lässt der Norden mich nicht mehr los: Ob mit Schlittenhunden in Finnland, per Schiff um die grönländische Disko-Insel, mit dem Truck durch Kanadas Wildnis oder mit dem Schneemobil über Spitzbergen – für die Arktis schlägt mein Herz! 

Mehr zu Anuschka und ihrer Liebe zu der Arktis findest du auf ihrem Blog Rosas Reisen.

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